KI im Unternehmen einzuführen heißt, die Zusammenarbeit von Menschen und Technologie neu zu gestalten. Die Werkzeuge sind oft schnell gekauft. Ob sie im Alltag wirken, entscheidet sich bei den Menschen, die mit ihnen arbeiten, und in den Abläufen, in die sie eingebaut werden. Die Boston Consulting Group fasst das in einer Faustregel zusammen: 10 Prozent des Aufwands gehören in Algorithmen, 20 Prozent in Technologie und Daten, 70 Prozent in Menschen und Prozesse.
Dieser Beitrag zeigt, warum KI-Einführung und Organisationsentwicklung zusammengehören. Er beschreibt drei Lücken, an denen fast jedes Vorhaben hängt, ordnet sie mit aktuellen Studien ein und endet mit einem Selbstcheck für dein Unternehmen. Wenn dir die Grundbegriffe noch fehlen, lies vorher KI verstehen: LLM, generative KI und GPT.
Warum gehören Mensch und Technologie bei KI zusammen?
Technologie entsteht durch Menschen und wirkt auf Menschen zurück. Unsere Fähigkeiten fließen in KI-Systeme ein, unsere Fehler und Vorurteile ebenso. Amazon hat 2018 ein experimentelles Werkzeug zur Bewerberauswahl eingestellt. Es hatte aus zehn Jahren überwiegend männlicher Bewerbungen gelernt und benachteiligte Frauen. Kein Entwickler hatte das so gewollt. Das System hatte ein Muster aus der Vergangenheit übernommen.
Der Einfluss läuft auch in die andere Richtung. Sobald Menschen mit KI arbeiten, verändert sie ihr Urteil. Die Forschung nennt das Automation Bias: die Neigung, Vorschlägen eines Systems zu sehr zu vertrauen.
automation bias · 27 radiologen
Wenn die KI danebenlag, folgten ihr selbst Profis.
| Kategorie | KI-Vorschlag richtig | KI-Vorschlag falsch |
|---|---|---|
| unerfahren | 79,7 % | 19,8 % |
| mittel erfahren | 81,3 % | 24,8 % |
| sehr erfahren | 82,3 % | 45,5 % |
- KI-Vorschlag richtig
- KI-Vorschlag falsch
Quelle: Dratsch u. a., Automation Bias in Mammography, Radiology, Mai 2023. 27 Radiologen, 50 Mammografien; in 12 Fällen schlug die angebliche KI eine falsche Kategorie vor.
In der Studie von Dratsch und Kollegen bewerteten 27 Radiologen Mammografien mit Unterstützung einer angeblichen KI. War der Vorschlag richtig, lagen alle Gruppen bei rund 80 Prozent Treffern. War er falsch, fielen Unerfahrene auf 20 Prozent und selbst sehr Erfahrene auf 46 Prozent. Die Autoren fassen zusammen:
„These results suggest that all radiologists, regardless of expertise, can be subject to automation bias.“
Dratsch u. a., Radiology, 2023. Sinngemäß: Alle Radiologen können unabhängig von ihrer Erfahrung dem Automation Bias unterliegen.
Für ein Unternehmen heißt das: Wer KI einführt, muss festlegen, wer Ergebnisse prüft und wie. McKinsey zählt definierte Prüfprozesse für KI-Ergebnisse zu den Merkmalen, die erfolgreiche Unternehmen am deutlichsten von anderen unterscheiden.
Was bedeutet die 10-20-70-Regel?
Die 10-20-70-Regel verteilt den Aufwand eines KI-Vorhabens: 10 Prozent Algorithmen, 20 Prozent Technologie und Daten, 70 Prozent Menschen und Prozesse. BCG beschreibt sie als Prinzip der Unternehmen, die mit KI am meisten erreichen. Zu den 70 Prozent gehören neue Rollen, veränderte Arbeitsabläufe, Kompetenzen und die Begleitung der Veränderung. Mehr zur Regel und ihrer Herkunft steht im Beitrag Die 70-20-10-Regel der KI-Transformation.
„The soft stuff […] turns out to be the hard stuff.“
BCG, From Potential to Profit: Closing the AI Impact Gap, Januar 2025. Sinngemäß: Das vermeintlich Weiche, also Abläufe neu denken, Kompetenzen aufbauen und Veränderung führen, ist das eigentlich Schwere.
10-20-70 · wohin der aufwand gehört
Siebzig Prozent der Arbeit sind keine Technik.
Quelle: BCG, From Potential to Profit: Closing the AI Impact Gap, 15.01.2025.
Wie groß die Lücke zwischen Nutzung und Wirkung ist, zeigt die aktuelle McKinsey-Umfrage. 88 Prozent der Befragten sagen, ihr Unternehmen nutze KI in mindestens einem Bereich. Nur 39 Prozent sehen irgendeinen Effekt auf das Ergebnis vor Zinsen und Steuern, meist unter 5 Prozent. Die rund 6 Prozent Spitzenreiter haben fast dreimal so oft ihre Arbeitsabläufe von Grund auf neu gestaltet wie die übrigen.
nutzung ist nicht wirkung · 1.993 befragte
Fast alle nutzen KI. Wenige sehen sie im Ergebnis.
| Kategorie | Anteil der Befragten |
|---|---|
| Spitzenreiter | 55 % |
| alle anderen | 20 % |
- Anteil der Befragten
Quelle: McKinsey, The State of AI in 2025: Agents, innovation, and transformation, 05.11.2025.
Welche drei Lücken bremsen die KI-Einführung?
Drei Lücken tauchen in fast jedem Vorhaben auf: Nichtwissen, Nichtkönnen und Nichthaben. Nichtwissen heißt, es fehlt der Überblick, was KI leisten kann und wo sie zu den eigenen Aufgaben passt. Nichtkönnen heißt, die Menschen können die Werkzeuge noch nicht wirksam einsetzen. Nichthaben heißt, es fehlen die Daten, die ein bestimmtes Vorhaben braucht. Die drei Lücken brauchen unterschiedliche Antworten, deshalb lohnt sich die Diagnose vor dem ersten Kauf.
drei lücken · erst die diagnose
Die meisten KI-Vorhaben hängen an einer von drei Lücken.
Was kann KI, und wo passt sie zu unseren Aufgaben?
Anzeichen
- Diskussionen bleiben bei Schlagworten
- niemand kann drei konkrete Anwendungsfälle nennen
- Angst und Euphorie wechseln sich ab
was hilft
- Überblick über Möglichkeiten und Grenzen
- Anwendungsfälle mit echten Aufgaben abgleichen
- ein bis zwei Fälle mit messbarem Ziel auswählen
Nichtwissen: Möglichkeiten erkennen und den richtigen Ansatzpunkt finden
Am Anfang stehen meist grundlegende Fragen. Was können die Modelle heute, wie verlässlich sind sie, und für welche Aufgaben im eigenen Unternehmen lohnen sie sich? Hier hilft zuerst ein Überblick über Möglichkeiten und typische Anwendungsfälle. Diesen Überblick gleichst du mit den Aufgaben ab, die in deinem Unternehmen Zeit kosten oder Fehler erzeugen. So wird aus allgemeinem Interesse eine konkrete Frage: Wo setzen wir an, und woran messen wir, ob es wirkt? Wie du von einem Geschäftsziel zu einem messbaren Pilot kommst, beschreibt der Beitrag KI im Unternehmen: vom Geschäftsziel zum messbaren Prozess.
Nichtkönnen: Kompetenzen für die Anwendung aufbauen
Eine passende Anwendung zu finden, ist der erste Schritt. Danach müssen die Menschen lernen, mit den Systemen zu arbeiten. Das gilt besonders für generative KI, bei der die Qualität des Ergebnisses stark davon abhängt, wie jemand fragt, prüft und nacharbeitet. Die BCG-Umfrage AI at Work 2025 mit 10.635 Befragten zeigt, wie viel Training ausmacht.
training · 10.635 befragte
Fünf Stunden Training machen einen messbaren Unterschied.
| Kategorie | regelmäßige Nutzung |
|---|---|
| unter 5 Stunden | 67 % |
| über 5 Stunden | 79 % |
- regelmäßige Nutzung
Quelle: BCG, AI at Work 2025: Momentum Builds, but Gaps Remain, 23.06.2025, n = 10.635.
Wer mehr als fünf Stunden Training bekommen hat, nutzt KI zu 79 Prozent regelmäßig, bei weniger als fünf Stunden sind es 67 Prozent. Präsenztraining und Coaching heben die Nutzung weiter. Trotzdem fühlen sich nur 36 Prozent der Befragten ausreichend geschult. Und wenn das Unternehmen keine passenden Werkzeuge bereitstellt, würden 54 Prozent auf eigene Faust nicht freigegebene Werkzeuge nutzen. Schatten-KI ist also oft eine Folge fehlender Befähigung, kein Zeichen von Disziplinlosigkeit. Wo du und dein Team gerade stehen, zeigt der kostenlose KI-Kompetenz-Check in acht Feldern.
Seit Februar 2025 verlangt auch der EU AI Act in Artikel 4, dass Unternehmen, die KI einsetzen, für KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten sorgen. Der AI Omnibus hat diese Pflicht im Juli 2026 vereinfacht. Ein bestimmtes Kompetenzniveau ist nicht vorgeschrieben, Kommission und Mitgliedstaaten sollen stärker mit Beispielen unterstützen. Gute Gründe für Kompetenzaufbau gibt es trotzdem genug, und die wenigsten haben mit Paragrafen zu tun.
Nichthaben: Datengrundlagen schaffen, die zum Vorhaben passen
Die dritte Lücke betrifft Daten. Wie viele und welche Daten du brauchst, hängt vom Ansatz ab. Für ein fertiges Werkzeug brauchst du keine Trainingsdaten, aber klare Regeln, was hineingegeben werden darf. Bei RAG, also wenn ein Modell zur Laufzeit in deinen Dokumenten sucht, brauchst du aktuelle und gepflegte Dokumente mit klaren Zugriffsrechten. Beim Fine-Tuning passt du ein bestehendes Modell mit Beispielen an. OpenAI nennt 50 bis 100 hochwertige Beispiele als Startpunkt.
nichthaben · es hängt vom ansatz ab
Nicht jedes KI-Vorhaben braucht eigene Trainingsdaten.
Das Modell sucht zur Laufzeit in deinen Dokumenten und antwortet auf dieser Grundlage.
Daten, die du brauchst: aktuelle, bereinigte Dokumente mit Eigentümern und Zugriffsrechten
Quelle zur Zahl der Beispiele: OpenAI, Leitfaden zum Fine-Tuning.
Kundendaten sind dabei keine allgemeine Voraussetzung. Ob sie gebraucht werden und genutzt werden dürfen, entscheidet der konkrete Anwendungsfall, und damit auch der Datenschutz. Die praktische Arbeit beginnt oft lange vor jedem Training: bei der Frage, welche Daten es gibt, wem sie gehören und in welchem Zustand sie sind.
Warum reicht ein KI-Training allein nicht aus?
Ein Training vermittelt Wissen und Fähigkeiten, verankert KI aber noch nicht im Unternehmen. Dafür müssen Strategie, Rollen, Abläufe und die Interessen der Beteiligten zusammenpassen. KI-Einführung wird damit zu einem Veränderungsprozess, der über die Auswahl eines Werkzeugs hinausgeht. Wie stark die Seite der Menschen über den Erfolg entscheidet, misst das Beratungsunternehmen Prosci seit Jahren.
change management · über 2.600 praktiker
Die Seite der Menschen entscheidet, ob Ziele erreicht werden.
| Kategorie | Ziele erreicht |
|---|---|
| exzellent | 88 % |
| gut | 73 % |
| mittelmäßig | 39 % |
| schlecht | 13 % |
- Ziele erreicht
Quelle: Prosci, Best Practices in Change Management; Wirksamkeit des Change Managements nach Einschätzung der Teilnehmenden.
Von über 2.600 befragten Praktikern erreichten 88 Prozent ihre Projektziele, wenn das Change Management exzellent war, aber nur 13 Prozent bei schlechtem Change Management. Das ist eine Korrelation aus Selbstauskünften, kein Laborexperiment. Die Richtung ist trotzdem eindeutig und deckt sich mit den Befunden von BCG und McKinsey.
Warum gibt es keine Checkliste für die KI-Einführung?
Ein Unternehmen ist ein soziales System, dessen Veränderung von innen getragen werden muss. Viele wünschen sich drei oder fünf Schritte, mit denen die Einführung gelingt. Der Wunsch ist verständlich, aber Organisationsentwicklung lässt sich nicht auf eine allgemeingültige Schrittfolge reduzieren. Externe Begleitung kann Impulse geben, Sichtweisen hinterfragen und Methoden mitbringen. Gestalten müssen die Veränderung die Menschen im Unternehmen selbst. Das ist mit Hilfe zur Selbsthilfe gemeint.
kein rezept · ein kreislauf
Veränderung wird von innen getragen. Begleitung gibt nur den Takt.
Ziele, Aufgaben und Lücken klären. Wer ist betroffen, wer entscheidet?
Einen Anwendungsfall mit messbarem Ziel testen, im echten Arbeitsablauf.
Kompetenzen an echten Aufgaben aufbauen, Regeln für Prüfung festlegen.
Rollen, Prozesse und Verantwortung anpassen, Wirkung messen.
Dazu gehört mehr als Kompetenzaufbau. Die Interessen, Sorgen und die Bereitschaft der Beteiligten müssen auf den Tisch, von der Geschäftsführung über den Betriebsrat bis zu den Teams, deren Arbeit sich verändert. Ziel ist eine gemeinsame, verbindliche Unterstützung für das Vorhaben. Sie trägt KI über die Pilotphase hinaus.
Wie lange dauert eine KI-Einführung im Unternehmen?
Das hängt vom Auftrag ab, und meist dauert der organisatorische Teil länger als der technische. Ein Werkzeug für eine Abteilung freizuschalten, geht in Wochen. Eine Daten-, KI- oder Geschäftsfeldstrategie, die bis in die Umsetzung reicht, plant man eher in Quartalen. Zur Arbeit an Technologie, Beschaffung und gegebenenfalls Fine-Tuning kommen Kommunikation, die Einbindung der Beteiligten und Change Management. Die betroffenen Menschen müssen die Veränderung verstehen und mitgestalten können. Genau dieser Teil braucht Zeit.
Selbstcheck: Wo steht dein Unternehmen?
Bevor du ein Werkzeug auswählst, prüfe die drei Lücken. Die folgenden neun Aussagen helfen dabei. Hak ab, was schon zutrifft. Die Auswertung zeigt, wo dein Vorhaben gerade den wenigsten Rückhalt hat.
selbstcheck · neun aussagen
Hak ab, was in deinem Unternehmen schon zutrifft.
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Drei Fragen kannst du danach in die nächste Leitungsrunde mitnehmen. Wo fehlen Wissen oder Kompetenzen? Welche Datengrundlagen braucht das konkrete Vorhaben wirklich? Und wer muss die Veränderung mittragen, damit sie bleibt?
Quellen
- BCG: From Potential to Profit: Closing the AI Impact Gap, 15.01.2025.
- BCG: AI at Work 2025: Momentum Builds, but Gaps Remain, 23.06.2025.
- McKinsey: The State of AI in 2025: Agents, innovation, and transformation, 05.11.2025.
- Dratsch u. a.: Automation Bias in Mammography: The Impact of Artificial Intelligence BI-RADS Suggestions on Reader Performance, Radiology, Mai 2023.
- Reuters: Amazon scraps secret AI recruiting tool that showed bias against women, 10.10.2018.
- Prosci: The Correlation Between Change Management and Project Success.
- OpenAI: Fine-tuning guide.
- Europäische Kommission: AI Omnibus enters into force, 27.07.2026.
Grafiken und Selbstcheck sind eigene Darstellungen. Der Selbstcheck speichert keine Antworten.


