Das Modell ist fertig. Die Arbeit wartet noch.
Ein gedankliches Beispiel aus einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen: Die KI schreibt den ersten Angebotsentwurf in wenigen Minuten. Früher brauchte der Vertrieb dafür einen halben Vormittag. Die Geschäftsführung sieht die Vorführung und rechnet hoch.
Beim Kunden kommt das Angebot trotzdem am Freitag an.
Die technische Prüfung liegt weiter beim Abteilungsleiter. Eine aktuelle Preisfreigabe fehlt. Für Sonderkonditionen braucht es dieselbe Unterschrift wie bisher. Der Text ist schneller fertig, der Auftrag bewegt sich kaum schneller durch das Unternehmen.
An dieser Stelle beginnt die eigentliche KI-Transformation. Der Zusammenhang zwischen einer besseren Einzelleistung und einem besseren Geschäftsergebnis muss erst hergestellt werden. Wer ihn überspringt, kauft Geschwindigkeit, die im nächsten Postfach liegen bleibt.
Die 70-20-10-Regel lenkt den Blick genau auf diese Arbeit. Sie ordnet ungefähr 10 Prozent des Aufwands Algorithmen und Modellen zu, 20 Prozent Technologie und Daten, 70 Prozent Menschen und Prozessen. Entscheidend ist nicht, was das Modell in der Demo kann. Entscheidend ist, was sich im Arbeitsalltag tatsächlich ändert.
| Kategorie | Wert |
|---|---|
| algorithmen und modelle | 10 % |
| technologie und daten | 20 % |
| menschen und prozesse | 70 % |
- algorithmen und modelle10 %
- technologie und daten20 %
- menschen und prozesse70 %
eine Faustregel mit Herkunft, keine Erfolgsformel
BCG formulierte die Aufteilung bereits 2019 als Faustregel: 10 Prozent für Algorithmen, 20 Prozent für Technologie und Daten, 70 Prozent für die Veränderung von Geschäftsprozessen. Spätere Veröffentlichungen fassen den großen Block ausdrücklich als Menschen und Prozesse. Das ist eine brauchbare Orientierung für Führungskräfte, aber keine mathematisch bewiesene Zerlegung von KI-Erfolg. BCG, 2019
Kein Unternehmen sollte daraus ableiten, jedes Budget exakt in dieser Quote zu verteilen. Bei schwachen Daten kann die technische Arbeit zunächst größer sein. Ein anderes Unternehmen hat die Systeme längst, aber niemand darf eine Freigaberegel ändern. Beide brauchen andere Entscheidungen.
Die Regel ist deshalb vor allem ein Test der eigenen Aufmerksamkeit. Wer im Leitungskreis ausführlich über Modelle diskutiert, sollte ebenso konkret sagen können, welche Arbeitsabläufe sich ändern sollen, wer darüber entscheidet und woran der Nutzen sichtbar wird.
ein Pilot kann erfolgreich sein und wirtschaftlich wirkungslos bleiben
Eine Demo beantwortet eine enge Frage: Kann das System mit den vorgelegten Informationen ein brauchbares Ergebnis erzeugen? Im Betrieb kommen andere Bedingungen hinzu. Informationen fehlen. Ein Mitarbeiter erkennt einen Ausnahmefall. Die zuständige Person ist im Urlaub.
Ein Angebot ist erst dann schneller erstellt, wenn es geprüft und versandbereit ist. Die eingesparte Schreibzeit beschreibt deshalb nur einen Ausschnitt. Für die Geschäftsführung zählt die Durchlaufzeit vom Eingang einer vollständigen Anfrage bis zum freigegebenen Angebot. Dazu gehört die Qualität des Ergebnisses.
entwurf
Die KI bereitet eine nutzbare erste Fassung vor.
prüfung
Eine verantwortliche Person prüft sie.
freigabe
Die Entscheidung wird verbindlich.
kundin oder kunde
Erst dann erreicht das Ergebnis die Kundschaft.
wirkung
Wie groß die Lücke zwischen Einsatz und Wert sein kann, zeigt BCGs Erhebung von 2025: 5 Prozent der befragten Unternehmen stuft BCG als "future-built" ein, 35 Prozent skalieren KI und beginnen Nutzen zu erzielen, 60 Prozent berichten trotz Investitionen nur geringe Umsatz- und Kosteneffekte. Das ist keine Ausfallquote aller KI-Projekte. Es ist eine Befragung von 2025 und ein Hinweis darauf, genauer hinzusehen, sobald ein Unternehmen viele Anwendungen vorführen kann, deren Geschäftswirkung aber kaum beziffert. BCG, 2025
die 10 Prozent brauchen ein klares Urteil
Ein kleiner Anteil bedeutet keine kleine Verantwortung. Ein ungeeignetes Modell kann ein gut geplantes Vorhaben unbrauchbar machen.
Für den Angebotsprozess braucht das Unternehmen eine konkrete Qualitätsdefinition. Ein sprachlich sauberer Entwurf reicht nicht, wenn die KI eine technische Zusage ergänzt, die der Betrieb nicht erfüllen kann. Auch eine erfundene Lieferfrist kann teuer werden.
Modelle sollten deshalb mit echten, freigegebenen Beispielen aus dem vorgesehenen Arbeitsgebiet verglichen werden. Zu den Testfällen gehören unvollständige Anfragen und widersprüchliche Angaben. Fachleute müssen beurteilen, welche Fehler akzeptabel sind und welche den Einsatz ausschließen.
Die Auswahl folgt der Aufgabe. Ein Modell, das lange Vertragsunterlagen gut verarbeitet, muss für kurze Standardantworten nicht die wirtschaftlichste Lösung sein. Manche Aufgabe braucht überhaupt keine generative KI. Eine eindeutige Berechnungsregel lässt sich auch eindeutig programmieren.
die 20 Prozent verbinden die KI mit dem Betrieb
In einer Vorführung bekommt die KI passende Unterlagen. Im Alltag muss geklärt sein, welche Unterlagen aktuell sind und wer sie verwenden darf.
Im Maschinenbaubeispiel entscheidet schon die Version der Preisliste darüber, ob der Entwurf verwendbar ist. Liegen gültige Preise und alte Sondervereinbarungen ungeordnet nebeneinander, löst ein stärkeres Sprachmodell das Problem nicht zuverlässig.
Die Datenarbeit beginnt deshalb beim konkreten Prozess. Für einen ersten Test müssen die benötigten Produktinformationen nachvollziehbar gepflegt sein. Ein Unternehmen muss nicht vorab sämtliche historischen Dokumente aufräumen. Es muss aber für den abgegrenzten Einsatz wissen, welcher Datenbestand verbindlich ist.
Ebenso wichtig ist der Übergang in die vorhandenen Systeme. Wenn Mitarbeiter Ergebnisse aus einem Chatfenster kopieren und anschließend mehrere Felder nachtragen müssen, entsteht neue Arbeit. Dieser Aufwand gehört in die Wirtschaftlichkeitsrechnung.
die 70 Prozent stehen in der Freigabeordnung
Der größte Teil der Veränderung wird konkret, sobald eine Führungskraft Zuständigkeiten festlegt. Im Angebotsprozess muss jemand entscheiden, wer einen KI-Entwurf prüfen darf. Für welche Fälle reicht die Prüfung im Vertrieb? Wann braucht es die technische Abteilung?
Dabei kann sich herausstellen, dass eine bisher übliche Freigabe entfallen darf. In anderen Fällen ist eine zusätzliche Kontrolle nötig, weil die KI Fehler erzeugt, die bislang selten vorkamen. Beides verändert Arbeit.
Diese Entscheidungen kann die IT vorbereiten. Die Verantwortung für den Geschäftsprozess bleibt bei einer benannten Führungskraft. Sie muss ausreichend Zeit erhalten und befugt sein, Regeln anzupassen.
eliminieren
Arbeit ohne Wertbeitrag entfernen.
optimieren
Die verbleibende Arbeit verbessern.
standardisieren
Den verbesserten Weg wiederholbar machen.
automatisieren
Erst dann den stabilen Prozess automatisieren.
dann automatisieren
Der Begriff "Menschen und Prozesse" wird schnell zu einem Sammelbecken für Schulungen. Das greift zu kurz. Ein Mitarbeiter kann hervorragend mit dem Werkzeug umgehen und trotzdem an einer unveränderten Vorgabe scheitern. Besonders sichtbar wird das bei widersprüchlichen Zielen. Die Geschäftsführung erwartet mehr Sorgfalt bei KI-Ergebnissen, bewertet den Vertrieb aber ausschließlich nach der Zahl verschickter Angebote. Damit wird eine gründliche Prüfung im Alltag zum Nachteil.
beschäftigte brauchen Antworten auf ihre Arbeit
Die Einführung verändert Erwartungen an Beschäftigte. Wer künftig KI-Ergebnisse prüfen soll, braucht dafür Fachwissen und verfügbare Zeit. Eine neue Schaltfläche erzeugt beides nicht.
Es genügt deshalb nicht, allen denselben Einführungskurs anzubieten. Eine erfahrene Vertriebsmitarbeiterin braucht andere Übungen als ein neuer Kollege. Bei ihr kann es darum gehen, seltene Fehlannahmen zu erkennen. Er muss zunächst lernen, woran ein brauchbares Angebot überhaupt zu erkennen ist.
Eine Feldstudie von Erik Brynjolfsson, Danielle Li und Lindsey Raymond zeigt, warum diese Unterschiede zählen. Bei 5.172 Beschäftigten im Kundensupport erhöhte ein KI-Assistent die Zahl gelöster Anliegen pro Stunde im Durchschnitt um 15 Prozent. Weniger erfahrene Beschäftigte profitierten stärker. Bei den erfahrensten und leistungsstärksten Kräften zeigten sich geringe Geschwindigkeitsgewinne und leichte Qualitätseinbußen. Das Ergebnis ist kein Versprechen für jeden Arbeitsplatz. Stanford Digital Economy Lab und NBER
Es spricht für eine Einführung, die den tatsächlichen Lernbedarf ernst nimmt. Im Test sollte sichtbar werden, wem das System hilft und wer zusätzlichen Prüfaufwand hat.
der Nutzen braucht einen Anschlussauftrag
Gesparte Minuten werden erst dann wirtschaftlich wirksam, wenn mit ihnen etwas Sinnvolles geschieht.
Im Vertrieb kann die gewonnene Zeit ermöglichen, zusätzliche qualifizierte Anfragen zu bearbeiten. Dafür müssen solche Anfragen vorhanden sein. Fehlt die Nachfrage, entsteht aus einer höheren möglichen Angebotszahl noch kein zusätzlicher Umsatz.
Auch eine rechnerische Personalkostenersparnis ist nicht automatisch eine realisierte Kostensenkung. Wenn dieselben Beschäftigten dieselbe Stundenzahl arbeiten, sinkt die Lohnsumme durch schnelleres Schreiben zunächst nicht. Es entsteht verfügbare Arbeitszeit.
Diese Zeit kann wertvoll sein. Ein Team kann Rückstände abbauen oder Angebote sorgfältiger nachverfolgen. Die Geschäftsführung muss nur vorab benennen, welches Ergebnis sie erreichen will, und später prüfen, ob es eingetreten ist.
Für eine belastbare Rechnung werden außerdem die neuen Aufwände berücksichtigt: Kontrolle von Ergebnissen, laufende Systemkosten und Pflege der zugrunde liegenden Informationen. Ein schneller Entwurf, der lange nachbearbeitet werden muss, kann die Rechnung umkehren.
der erste Anwendungsfall braucht einen begrenzten Auftrag
Für ein KMU ist ein klar abgegrenzter Prozess ein guter Ausgangspunkt. Die Geschäftsführung sollte ihn so wählen, dass ausreichend reale Fälle für einen Vergleich vorliegen und eine verantwortliche Person erreichbar ist.
Beim Angebotsprozess wäre eine sinnvolle Grenze die Bearbeitung wiederkehrender Standardprodukte. Sonderkonstruktionen bleiben zunächst außerhalb des Tests. Vor dem Start werden heutige Bearbeitungszeiten erfasst. Auch die Häufigkeit fachlicher Korrekturen gehört dazu. Ohne Ausgangswert bleibt unklar, ob die neue Arbeitsweise tatsächlich besser ist.
Die Testgruppe sollte den späteren Betrieb ausreichend abbilden. Ausschließlich besonders begeisterte und erfahrene Mitarbeiter auszuwählen, macht die Vorführung einfacher, aber die Übertragung schwieriger. Gerade weniger routinierte Kollegen zeigen, welche Unterstützung im Alltag fehlt.
prozessänderung ist eine Führungsentscheidung
McKinsey veröffentlichte im März 2025 eine Befragung, in der 21 Prozent der Befragten aus Organisationen mit generativer KI angaben, zumindest einige Arbeitsabläufe grundlegend neu gestaltet zu haben. Die Daten wurden im Juli 2024 erhoben. Unter 25 untersuchten Merkmalen hing die Neugestaltung von Arbeitsabläufen am stärksten mit dem berichteten EBIT-Effekt zusammen. Die 21 Prozent beziehen sich auf diese Teilgruppe der GenAI-Nutzenden. Das ist eine Korrelation, kein Kausalnachweis. McKinsey, 2025
| Kategorie | Wert |
|---|---|
| befragte mit neu gestalteten Arbeitsabläufen | 21 % |
- befragte mit neu gestalteten Arbeitsabläufen21 %
Für Führungskräfte ergibt sich daraus eine konkrete Aufgabe: regelmäßig prüfen, ob die Organisation den versprochenen Nutzen überhaupt zulässt. Im Angebotsbeispiel betrifft das die Vertretung bei Freigaben. Eine beschleunigte Erstellung bringt dem Kunden wenig, wenn am Ende weiterhin nur eine Person entscheiden darf.
Diese Arbeit lässt sich nicht vollständig an einen Anbieter delegieren. Ein externer Partner kennt das Modell. Über die zulässigen technischen Zusagen muss der Betrieb selbst entscheiden können.
in die nächste Sitzung gehört ein echter Vorgang
Für die nächste Besprechung zum KI-Einsatz sollte eine kürzlich abgeschlossene Kundenanfrage auf dem Tisch liegen. An ihr lässt sich der Weg durch das Unternehmen nachvollziehen.
Die Beteiligten markieren, wann tatsächlich gearbeitet wurde und wann der Vorgang wartete. Anschließend prüfen sie, welchen Abschnitt die geplante KI verkürzt. Der verantwortliche Bereich benennt die organisatorische Entscheidung, die den nächsten Engpass beseitigen soll.
Am Ende braucht dieser eine Vorgang einen überprüfbaren nächsten Schritt: etwa eine neue Freigaberegel für Standardangebote, die in einem begrenzten Test erprobt wird. Die Geschäftsführung legt fest, wer dafür verantwortlich ist und wann die Ergebnisse auf dem Tisch liegen.
Beim nächsten Termin liegt dann das Angebot auf dem Tisch, das früher beim Kunden angekommen ist. Oder ein belegbarer Grund, weshalb der Versuch diesen Anspruch noch nicht erfüllt.


