kurz gesagt
- 800.000 Euro in ein neues ERP-System, 14 Monate später unter 40 Prozent Akzeptanz. Die Software war technisch einwandfrei. Das Problem lag woanders.
- Resilienz, Lernkompetenz und kritisches Denken fehlten strukturell. Die Mitarbeitenden hatten keine Werkzeuge, um mit der Unsicherheit der Systemveränderung umzugehen.
- Nach sechs Monaten gezieltem Kompetenzaufbau: 78 Prozent Akzeptanz. Nicht durch eine neue Software, sondern durch neue Fähigkeiten.
Das Ausgangsbild: Technisch einwandfrei, menschlich gescheitert
800.000 Euro in ein neues ERP-System. Eine ausführliche Einführungsschulung, ein professionelles Implementierungsteam, ein klarer Zeitplan. 14 Monate später lag die Akzeptanzrate bei unter 40 Prozent. Mitarbeitende griffen auf alte Abläufe zurück, Produktivität stagnierte, Führungskräfte fragten sich, was schiefgelaufen war.
Das System war technisch einwandfrei. Die Implementierung verlief nach Plan. Was fehlte, wurde erst im Coaching sichtbar: Die Mitarbeitenden hatten strukturell keine Fähigkeiten entwickelt, mit der Unsicherheit umzugehen, die jede größere Systemveränderung mitbringt.
Das eigentliche Problem: Fehlende Annahmen über Selbsterklärung
Viele Transformationsprojekte starten mit demselben Grundfehler. Die Software wird eingeführt, eine gründliche Schulung wird organisiert, und danach erwartet man Adoption. Was dabei übersehen wird: Ein System, egal wie intuitiv gestaltet, trifft auf Menschen mit unterschiedlichen Lernbiografien, Stressmustern und individuellen Reaktionen auf Veränderung.
Im beschriebenen Fall war keines davon ein persönliches Versagen. Die Mitarbeitenden hatten schlicht keine Übung darin, mit einem neuen System zu arbeiten, während der laufende Betrieb weiterging. Resilienz, Lernkompetenz und kritisches Denken standen nicht zur Verfügung. Wer in dieser Situation Fehler macht, greift auf das Bewährte zurück. Das ist kein Widerstand. Es ist Schutzverhalten.
Warum das strukturell immer wieder passiert und was die konzeptionelle Antwort ist, erklärt Digitale Transformation: Warum Kompetenz entscheidet.
Was die Wende brachte: Kompetenzaufbau statt Tool-Schulung
Die Entscheidung nach der Analyse: Weitere Tool-Schulungen würden das Problem nicht lösen. Stattdessen wurde ein begleitetes Kompetenzentwicklungsprogramm aufgesetzt, eingebettet in den laufenden Arbeitsalltag, nicht als Zusatzbelastung neben der Arbeit.
Das Programm adressierte drei Bereiche: Lernkompetenz (neues Wissen aktiv einordnen und anwenden), Resilienz (mit Fehlern und Rückschlägen produktiv umgehen) und kritisches Denken (Prozesse hinterfragen, statt sie zu reproduzieren). Nach sechs Monaten stieg die Akzeptanzrate von unter 40 auf 78 Prozent.
Das System hatte sich nicht verändert. Die Menschen hatten gelernt, mit ihm und mit Veränderung generell anders umzugehen.
Vorgehen: Was Kompetenzaufbau vor der ERP-Einführung erleichtert
- Den Ist-Prozess aufnehmen, bevor die Software kommt. Wer weiß, wie heute gearbeitet wird, erkennt, wo das neue System auf bewährte Abläufe trifft. Diese Reibungspunkte sind die wichtigsten Lernorte. Wie die Aufnahme gelingt, zeigt Prozesse sichtbar machen.
- Frühzeitig ein Pilotteam aufbauen. Wenige Menschen, die das System vor dem großen Rollout intensiv testen und Feedback geben. Ihr Wissen verbessert die Einführung und ihre Erfahrung überzeugt Kollegen mehr als jede Präsentation.
- Fehler als Trainingsaufgaben rahmen. Wenn jemand mit dem neuen System nicht zurechtkommt, ist das Information, keine Schwäche. Teams, die das wissen, melden früh.
- Fortschritt am Ablauf messen, nicht an der Nutzungsrate. Der Ablauf, den das System verbessern soll, ist die richtige Kennzahl. Wer dort Verbesserung sieht, bleibt dabei.
Einordnung in core+
In core+ gehört dieser Ansatz zum Feld enable & support: die Befähigung der Menschen, in einer neuen Struktur wirksam zu werden. Werkzeuge einzuführen ohne dieses Feld zu bearbeiten, führt ins beschriebene Muster. Wer erst die Menschen vorbereitet und dann die Software einführt, zahlt weniger für die Einführung als für das Reparieren danach.
Drei Entscheidungsfragen
- Welches System habt ihr eingeführt, das weniger genutzt wird als erwartet, und wurde der Kompetenzaufbau damals explizit adressiert?
- Wer in deinem Unternehmen hat die größte Erfahrung mit Systemveränderungen, und kannst du diese Person für die nächste Einführung als erste einbinden?
- Was wäre das Zeichen, das dir in vier Wochen zeigt, dass ein Pilotteam mit dem neuen System wirklich umgehen kann?
Welche fünf Kompetenzen dabei konkret zählen, erklärt Digitale Transformation: fünf Kompetenzen die zählen. Mehr zu Beratung und Coaching unter Coaching. Förderung über BAFA. Mehr unter Digitalisierung und Transformation.


