Die meisten KI-Agenten scheitern nicht am Modell. Sie scheitern an dem, was um das Modell herum fehlt. Eine Schleife ohne Abbruch läuft die ganze Nacht, ein Werkzeug mit Schreibrechten ändert Daten, die es nur lesen sollte. Ich betreibe seit Monaten ein eigenes Agenten-Setup für Webseiten, Server und Texte. Fast jeder Fehler, den ich dort gesehen habe, war ein Systemfehler. Die Antwort des Modells war in der Regel plausibel.
Dieser Beitrag ordnet die zehn Konzepte, die aus einem Sprachmodell einen verlässlichen Agenten machen. Zu jedem Konzept gibt es eine Erklärung, eine Grafik, eine Prüffrage für dein eigenes Vorhaben und ein Beispiel aus meinem Setup. Die Reihenfolge folgt dem Weg einer Aufgabe durch das System. Am Ende steht ein 90-Tage-Plan, mit dem ein mittelständisches Unternehmen den ersten Agenten sauber an den Start bringt. Die Inhalte gibt es zusätzlich als Präsentation mit 31 Folien.
Was Agentic AI von einem Chatbot unterscheidet
Agentic AI bezeichnet KI-Systeme, die ein Ziel in mehreren Schritten selbst verfolgen. Ein Chatbot bekommt eine Frage und gibt eine Antwort. Ein Agent bekommt eine Aufgabe, plant Schritte, ruft Werkzeuge auf, liest das Ergebnis und entscheidet, was als Nächstes passiert. Er arbeitet in einer Schleife, bis die Aufgabe erledigt ist oder eine Grenze greift.
Anthropic beschreibt in seinem Leitfaden Building effective agents den Unterschied so: Workflows folgen vorgegebenen Pfaden, Agenten steuern ihren Weg selbst. Der Leitfaden empfiehlt, mit dem einfachsten System anzufangen, das die Aufgabe löst, und Komplexität erst dann hinzuzufügen, wenn sie messbar hilft.
Die folgende Grafik zeigt den Aufbau als System. In der Mitte arbeitet das Modell in seiner Schleife. Die zehn Konzepte liegen als Ringe darum. Wähle einen Ring, um zu sehen, wofür er zuständig ist.
das system · zehn ringe um eine schleife
Das Modell entscheidet. Die zehn Ringe darum entscheiden, ob es gut ausgeht.
Harness Engineering
Wie wird eine Entscheidung sicher ausgeführt?
- Wiederholung und Rückfall
- abgeschottete Ausführung
- Raten- und Kostenlimits
- geordneter Rückfall
Warum Systemdenken bei KI-Agenten jetzt zählt
Gartner erwartet, dass bis Ende 2027 mehr als 40 Prozent aller Agentic-AI-Projekte abgebrochen werden. Als Gründe nennt das Analysehaus steigende Kosten, unklaren Nutzen und unzureichende Risikokontrollen. Alle drei Gründe liegen im System, keiner im Modell. In derselben Prognose schätzt Gartner, dass von tausenden Anbietern nur etwa 130 echte agentische Fähigkeiten liefern. Der Rest benennt vorhandene Chatbots und Automatisierungen um.
Gleichzeitig wächst, was Agenten leisten können. Das Forschungsinstitut METR misst, wie lange Aufgaben dauern dürfen, die ein Modell mit 50 Prozent Erfolgsquote erledigt. Diese Spanne hat sich seit 2019 etwa alle sieben Monate verdoppelt. Längere Aufgaben bedeuten mehr Schritte, mehr Werkzeugaufrufe und mehr Gelegenheiten für Fehler. Je länger ein Agent arbeitet, desto mehr entscheidet das System über das Ergebnis.
In Deutschland ist KI im Alltag der Unternehmen angekommen. Laut Bitkom setzen 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI ein, befragt wurden 603 Unternehmen im Sommer 2026. Neun von zehn sehen sich dabei noch am Anfang. Der nächste Schritt vom Assistenten zum Agenten ist für viele genau jetzt die Frage.
die lage · stand oktober 2026
Agenten können mehr. Die Projekte scheitern trotzdem am System.
1. Harness Engineering: das Gerüst um das Modell
Harness Engineering ist die Arbeit an allem, was zwischen der Entscheidung des Modells und ihrer Ausführung liegt. Das Modell sagt „lies diese Datei“ oder „sende diese Mail“. Das Harness entscheidet, ob, wie oft und unter welchen Bedingungen das passiert. Anthropic hat im November 2025 beschrieben, wie ein gutes Harness lange Aufgaben über viele Kontextfenster trägt: Ein erster Agent richtet die Umgebung ein, jeder weitere Lauf hinterlässt eine Fortschrittsdatei und saubere Commits für den nächsten.
Vier Bausteine gehören in jedes Harness:
- Wiederholung und Ersatzweg: Ein Werkzeug schlägt fehl, das Harness versucht es nach einer Pause erneut. Bleibt der Fehler, greift ein Ersatzweg oder der Lauf endet mit einer klaren Meldung.
- Abgeschottete Ausführung: Code und Befehle laufen in einer Sandbox, mit Zugriff nur auf die Verzeichnisse und Netzadressen, die der Auftrag braucht.
- Raten- und Kostenlimits: Ein Budget je Lauf, je Tag und je Werkzeug. Ohne Budget kann ein Agent in einer Nacht ausgeben, was das Team im Monat einplant.
- Geordneter Rückfall: Fällt ein Dienst aus, liefert der Agent ein Teilergebnis mit Hinweis. Ein stilles Weiterlaufen ohne Hinweis ist der schlechteste Fall.
harness engineering · drei fälle
Ein gutes Harness erkennst du daran, was passiert, wenn etwas schiefgeht.
- Anfrageokeingegangen
- Budget prüfenok1,20 € von 5,00 €
- Sandboxoknur /projekt, kein Netz
- WerkzeugfehlerZeitüberschreitung
- Wiederholungwartet2 Versuche mit Pause
- ErgebnisersatzwegErsatzquelle, Hinweis
ergebnisTeilergebnis mit Hinweis statt stillem Abbruch.
Beispielwerte. Aufbau nach Anthropic, Effective harnesses for long-running agents, 26.11.2025.
Aus meinem Setup: Mein Review-Agent lief eine Zeit lang gegen ein Modell, das es nicht mehr gab. Jede Anfrage endete mit HTTP 404, alle Reviews scheiterten still. Ein leeres Ergebnis sah aus wie ein sauberes. Seitdem gilt im Harness die Regel, dass eine leere Antwort nie als Befund zählt. Sie ist ein Fehler, bis das Gegenteil belegt ist.
Prüffrage: Was passiert, wenn das wichtigste Werkzeug deines Agenten eine Stunde lang nicht erreichbar ist?
2. Loop Engineering: wann der Agent aufhört
Loop Engineering gestaltet die Schleife aus Handeln, Prüfen und erneutem Handeln. Jede Runde kostet Zeit und Rechenleistung. Eine Schleife ohne Abbruchbedingung ist der häufigste Grund für Agenten, die stundenlang laufen und am Ende nichts liefern.
Eine gute Schleife hat drei Ausgänge. Das Ziel ist erreicht und durch einen Test belegt. Das Budget an Runden, Zeit oder Kosten ist verbraucht. Oder die letzten Runden haben keinen Fortschritt gebracht. Dazu kommt ein klares Rückmeldesignal je Runde: ein Testergebnis, eine Fehlermeldung, eine Zahl. Ohne Signal rät der Agent, ob er näher am Ziel ist.
loop engineering · drei ausgänge
Jede Schleife braucht einen Ausgang, bevor sie startet.
läuftRunde 1 prüft gegen die Tests …
Beispielverlauf. Das Signal je Runde ist die Zahl grüner Tests.
Aus meinem Setup: Jeder Bauschritt hat bei mir eine harte Grenze von drei Runden, je Schritt und je Ziel. Nach der dritten erfolglosen Runde stoppt der Agent und meldet in drei Zeilen Stand, Befund und beste Option. Vorher formuliert er das Erfolgskriterium als Prüfbefehl. Ohne diesen Befehl startet keine Schleife. Die Grenze hat mehr Zeit gespart als jede Prompt-Verbesserung.
Prüffrage: Kannst du in einem Satz sagen, woran dein Agent erkennt, dass er fertig ist?
3. Context Engineering: was das Modell bei jedem Schritt sieht
Context Engineering entscheidet, welche Informationen bei jedem Schritt im Kontextfenster stehen. Anthropic nennt den Kontext eine endliche Ressource mit abnehmendem Grenznutzen und rät zur kleinsten Menge an Informationen mit hoher Aussagekraft. Das klingt selbstverständlich, wird aber bei Agenten schnell verletzt. Jeder Werkzeugaufruf hängt Ergebnisse an, jede Runde verlängert den Verlauf.
Wie stark das wirkt, hat das Datenbank-Unternehmen Chroma im Juli 2025 gemessen. In der Studie Context Rot wurden 18 Sprachmodelle mit wachsender Eingabelänge getestet. Bei allen sank die Leistung, auch bei einfachen Aufgaben. Ein längerer Kontext ist also nicht automatisch ein besserer Kontext.
Drei Techniken helfen. Verdichten: Alte Runden werden zu einer Zusammenfassung, die nur Entscheidungen und offene Punkte behält. Nachladen statt vorladen: Der Agent bekommt Dateipfade und Suchwerkzeuge und holt Inhalte erst, wenn er sie braucht. Gewichten: Aktuelle Informationen haben Vorrang, außer eine ältere Regel ist ausdrücklich dauerhaft gültig.
context engineering · runde 40 eines langen laufs
Der Verlauf frisst das Fenster, wenn niemand aufräumt.
| Teil | tausend Tokens |
|---|---|
| Anweisungen | 4 |
| Werkzeugbeschreibungen | 14 |
| Verlauf | 118 |
| abgerufene Daten | 40 |
| aktuelle Aufgabe | 2 |
| belegt von 200 | 178 |
Beispielwerte für ein Fenster mit 200.000 Tokens. Hintergrund: Chroma, Context Rot, 14.07.2025.
Aus meinem Setup: Meine Agenten lesen Dateien über ein Werkzeug, das unveränderte Inhalte beim zweiten Lesen auf wenige Zeichen kürzt. Große Ausgaben, etwa Browser-Protokolle über 50 KB, laufen in einer eigenen Sitzung. Die Hauptsitzung bekommt nur das Ergebnis.
Prüffrage: Welcher Teil deines Kontexts ist nach zehn Runden noch nötig, und wer räumt den Rest weg?
4. Tool Design: Werkzeuge, die ein Agent richtig benutzt
Tool Design ist die Gestaltung der Werkzeuge, die ein Agent aufrufen darf. Für ein Modell ist ein Werkzeug nur ein Name, eine Beschreibung und ein Schema. Ist eines davon unklar, ruft der Agent das falsche Werkzeug auf oder füllt die Parameter falsch.
Anthropic empfiehlt im Beitrag Writing effective tools for agents vier Dinge. Jedes Werkzeug hat einen klaren, eigenen Zweck. Namen tragen ein Präfix, das den Bereich zeigt, etwa crm_kontakt_suchen statt suchen. Antworten sind knapp und enthalten nur, was der Agent für den nächsten Schritt braucht. Fehlermeldungen sagen, was zu tun ist, statt nur einen Code zu nennen. Im selben Leitfaden steht ein Beispiel aus der Praxis: Erst als ein Werkzeug absolute Dateipfade verlangte, machte das Modell keine Pfadfehler mehr.
tool design · ein werkzeug, zwei fassungen
Für das Modell ist das Werkzeug nur Name, Beschreibung und Schema.
so rät der agent
- Name
suchen- Beschreibung
Sucht Daten.- Eingabe
query: string- Fehler
Error 400
so findet der agent es
- Name
crm_kontakt_suchen- Beschreibung
Findet Kontakte im CRM nach Name oder Firma. Für Rechnungen: rechnung_suchen.- Eingabe
name?: string, firma?: string, max: 1 bis 20- Fehler
Kein Treffer für „Mülle“. Meintest du „Müller“? Suche mit firma eingrenzen.
Eigenes Beispiel nach Anthropic, Writing effective tools for agents, 11.09.2025.
Bei der Anzahl gilt: Zwanzig ähnliche Werkzeuge verwirren ein Modell stärker als fünf gut getrennte. Das Model Context Protocol, kurz MCP, hat Werkzeuge austauschbar gemacht. Anthropic hat das Protokoll im Dezember 2025 an die Agentic AI Foundation unter dem Dach der Linux Foundation übergeben. Die Auswahl der richtigen Werkzeuge bleibt trotzdem Handarbeit.
Prüffrage: Würde ein neuer Kollege anhand von Name und Beschreibung allein verstehen, was das Werkzeug tut?
5. Memory Architecture: was ein Agent behält
Memory Architecture regelt, was ein Agent über eine Sitzung hinaus behält und wie er es wiederfindet. Das Kontextfenster ist das Arbeitsgedächtnis. Es endet mit der Sitzung. Alles, was länger halten soll, braucht einen eigenen Speicher.
Drei Ebenen haben sich bewährt. Das Arbeitsgedächtnis hält die laufende Aufgabe. Strukturierte Notizen halten Fortschritt und offene Punkte über mehrere Läufe, etwa als Fortschrittsdatei. Das Langzeitgedächtnis hält Regeln, Entscheidungen und Fakten, die auch in Wochen noch gelten. Die schwierigste Frage ist dabei, was nicht gespeichert wird. Ein Gedächtnis voller Zwischenstände wird zum Kontextproblem der nächsten Sitzung.
memory architecture · drei ebenen
Je länger etwas halten soll, desto strenger die Regel fürs Schreiben.
- 1Arbeitsgedächtniseine Sitzunglaufende Aufgabe, letzte Ergebnisseschreibenräumt die Verdichtung auf
- 2Notizenmehrere LäufeFortschritt, offene Punkte, nächster Schrittschreibenschreibt der Agent am Ende jedes Laufs
- 3LangzeitgedächtnisWochen bis MonateRegeln, Entscheidungen, geprüfte Faktenschreibennur mit Grund und Anwendungsregel, Falsches wird gelöscht
Abgerufen wird gezielt: ein kurzer Index im Kontext, die Einträge erst bei Bedarf.
Aus meinem Setup: Jede Erinnerung ist bei mir eine eigene Datei mit genau einer Tatsache, einem Grund und einer Anwendungsregel. Ein Index mit einer Zeile je Eintrag wird bei jeder Sitzung geladen, die Dateien selbst erst bei Bedarf. Erinnerungen, die sich als falsch herausstellen, werden gelöscht statt ergänzt. Eine Regel, die ich nur mit ausdrücklicher Freigabe ändern darf, trägt eine eigene Markierung.
Prüffrage: Wer entscheidet in deinem System, dass eine gespeicherte Information veraltet ist?
6. Orchestration Patterns: ein Agent oder mehrere
Orchestrierung beschreibt, wie mehrere Agenten oder Arbeitsschritte zusammenarbeiten. Anthropic unterscheidet fünf Muster: Ketten, die Schritte nacheinander abarbeiten, Weichen, die Anfragen an Spezialisten verteilen, parallele Läufe, ein Orchestrator mit Arbeitern und ein Paar aus Erzeuger und Prüfer.
Mehrere Agenten können viel leisten. Anthropic berichtet, dass ein Recherche-System aus einem leitenden Agenten und mehreren Unteragenten einen einzelnen Agenten in einer internen Bewertung um 90,2 Prozent übertraf. Derselbe Bericht nennt den Preis: Agenten verbrauchen etwa viermal so viele Tokens wie ein Chat, Systeme aus mehreren Agenten etwa fünfzehnmal so viele. Mehr Agenten lohnen sich also nur, wenn die Aufgabe wirklich in unabhängige Teile zerfällt.
orchestration patterns · fünf muster
Mehr Agenten heißt mehr Leistung und ein Vielfaches an Tokens.
Feste Schritte nacheinander, jeder prüft den vorigen.
tokenbedarfniedrig
Anthropic, Building effective agents, 19.12.2024, und How we built our multi-agent research system, 13.06.2025.
Aus meinem Setup: Bei mir schreibt genau ein Agent, ein zweiter prüft nur lesend. Für jeden Bereich gibt es eine Sperrdatei mit Bereich, Agent, Zeit und Grund. Diese Regel entstand nach einem Vorfall: Zwei Sitzungen arbeiteten im selben Verzeichnis und spielten innerhalb von 70 Sekunden zwei verschiedene Stände auf meine eigene Webseite. Seitdem gilt ein Schreiber je Bereich, ohne Ausnahme.
Prüffrage: Welche Teilaufgabe deines Agenten könnte wirklich parallel laufen, ohne auf ein anderes Ergebnis zu warten?
7. Guardrails und Berechtigungen: der Schadensradius
Guardrails begrenzen, was ein Agent tun darf und was er sehen darf. Die OWASP-Liste der zehn größten Risiken für Sprachmodell-Anwendungen führt dafür seit 2025 den Punkt Excessive Agency: zu viele Funktionen, zu viele Rechte, zu viel Autonomie. Die Empfehlung ist eindeutig. Rechte werden im Zielsystem durchgesetzt, nicht im Prompt. Ein Satz wie „lösche niemals Dateien“ ist eine Bitte, keine Sperre.
Hilfreich ist der Gedanke des Schadensradius. Für jede Aktion fragst du, was im schlimmsten Fall passiert und ob es sich rückgängig machen lässt. Lesen hat einen kleinen Radius. Schreiben in einem Entwurf auch. Schreiben in einem Live-System, Geld bewegen oder eine Mail an Kunden senden haben einen großen Radius und brauchen eine Freigabe oder eine technische Sperre. Eingaben von außen, etwa Webseiten oder Mails, behandelt der Agent als Daten, nie als Anweisung.
guardrails · schadensradius
Je größer der Radius, desto weiter weg vom Prompt sitzt die Sperre.
- lesen
- entwurf schreiben
- live schreiben
- unumkehrbar
Mail an Kunden senden
Radius: unumkehrbar
kontrolleMensch entscheidet, technisch gesperrt
Einordnung nach OWASP LLM06:2025 Excessive Agency: Rechte im Zielsystem durchsetzen, nicht im Prompt.
Aus meinem Setup: Ein Hook sperrt jedes Deploy-Skript und jeden Neustart eines Dienstes, solange in der Sitzung keine Freigabeprüfung gelaufen ist. Der prüfende Agent hat keine Schreibrechte. Ein Synchronisationsbefehl mit Löschoption ist auf Live-Verzeichnissen per Regel verboten, seit ein Agent damit einen Live-Stand zurückgedreht hat.
Prüffrage: Welche Aktion deines Agenten lässt sich nicht rückgängig machen, und wer gibt sie frei?
8. Evals für Agenten: testen, bevor du vertraust
Evals sind wiederholbare Tests, die zeigen, ob ein Agent eine Aufgabe zuverlässig löst. Anthropic unterscheidet zwei Blickwinkel: den Verlauf eines Laufs mit allen Werkzeugaufrufen und das Ergebnis, also den Zustand am Ende. Die Empfehlung lautet, eher das Ergebnis zu bewerten als den Weg. Ein Agent darf einen anderen Pfad nehmen als erwartet, wenn das Ergebnis stimmt.
Für den Start braucht es keine hunderte Aufgaben. Anthropic nennt 20 bis 50 einfache Aufgaben, die aus echten Fehlern stammen, als guten Anfang. Wird ein Sprachmodell als Bewerter eingesetzt, muss es eng an menschlichen Fachleuten kalibriert sein, mit einer eigenen Bewertungsregel je Dimension.
Zwei Kennzahlen zeigen, warum Zuverlässigkeit bei Agenten anders zu messen ist. pass@k ist die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens einer von k Versuchen gelingt. pass^k ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle k Versuche gelingen. Für einen Agenten, der jeden Tag dieselbe Aufgabe erledigt, zählt die zweite Zahl. Die Grafik rechnet das für einen Agenten durch, der einen einzelnen Versuch zu 80 Prozent besteht.
evals · rechenbeispiel mit 80 % je versuch
Einmal klappt fast immer. Achtmal hintereinander klappt selten.
| Kategorie | pass@k: mindestens einer gelingt | pass^k: alle gelingen |
|---|---|---|
| k = 1 | 80 % | 80 % |
| k = 2 | 96 % | 64 % |
| k = 3 | 99,2 % | 51,2 % |
| k = 4 | 99,8 % | 41 % |
| k = 5 | 100 % | 32,8 % |
| k = 6 | 100 % | 26,2 % |
| k = 7 | 100 % | 21 % |
| k = 8 | 100 % | 16,8 % |
- pass@k: mindestens einer gelingt
- pass^k: alle gelingen
bei acht versuchenpass@k 99,9997 %, pass^k 16,8 %
Rechenbeispiel: pass@k = 1 − 0,2^k, pass^k = 0,8^k. Begriffe nach Anthropic, Demystifying evals for AI agents, 09.01.2026.
Aus meinem Setup: Zwei meiner Prüfberichte meldeten einmal „0 gegen 0: bestanden“. Die Prüfung hatte keine Daten bekommen und deshalb nichts gefunden. Seitdem nennt jede Prüfung zuerst ihre Grundmenge. Ist sie leer, lautet das Ergebnis „nicht prüfbar“. Und jede Prüfung muss einmal absichtlich rot werden, bevor ich ihr glaube.
Prüffrage: Welche zehn Aufgaben aus den letzten Fehlern deines Teams würdest du als erste Testsammlung nehmen?
9. Human in the Loop: wo der Mensch entscheidet
Human in the Loop heißt, dass ein Mensch an festgelegten Stellen prüft, freigibt oder übernimmt. Das ist kein Misstrauensvotum gegen den Agenten, es verteilt Verantwortung nach Risiko. Die Gefahr liegt woanders: Muss der Mensch jede Kleinigkeit abnicken, wird er zum Engpass und gibt irgendwann ungeprüft frei.
Eine einfache Regel hilft: Je größer der mögliche Schaden und je schwerer er umzukehren ist, desto früher kommt der Mensch ins Spiel. Bei kleinen, umkehrbaren Aktionen reicht eine Stichprobe. Bei großen, endgültigen Aktionen entscheidet der Mensch, der Agent bereitet vor. Für die Übergabe braucht der Mensch eine Zusammenfassung mit Entscheidungsvorlage, keinen Verlauf mit 200 Zeilen.
human in the loop · zwei fragen
Der Mensch kommt dort ins Spiel, wo Fehler groß und endgültig sind.
| leicht umkehrbar | schwer umkehrbar | |
|---|---|---|
| großer schaden | Agent handelt, Mensch prüft danachz. B. Entwurf eines Angebots | Mensch gibt vor der Ausführung freiz. B. Preisänderung im Shop |
| kleiner schaden | Agent handelt allein, Stichprobez. B. Anfragen vorsortieren | Agent handelt, mit Rücknahme und Protokollz. B. Termin verschieben |
Bei der Übergabe bekommt der Mensch eine Zusammenfassung mit Entscheidungsvorlage, keinen Verlauf mit 200 Zeilen.
Rechtlich bekommt das Thema ein Datum. Der EU AI Act verlangt in Artikel 14 für Hochrisiko-Systeme eine wirksame menschliche Aufsicht, inklusive der Möglichkeit, das System anzuhalten. Mit dem AI Omnibus, in Kraft seit 27.07.2026, gelten die Pflichten für eigenständige Hochrisiko-Systeme ab 02.12.2027. Ein Agent in der Bewerberauswahl oder bei der Kreditprüfung fällt darunter, ein Agent für Blogtexte nicht.
Prüffrage: Bei welchen Entscheidungen deines Agenten musst du heute schon einen Menschen benennen können, der sie verantwortet?
10. Observability und Tracing: sehen, was der Agent tut
Observability bedeutet, dass jeder Schritt eines Agenten nachvollziehbar aufgezeichnet wird. Ein Trace zeigt die Kette aus Modellaufrufen, Werkzeugaufrufen und Ergebnissen mit Dauer, Tokens und Kosten. Wer keinen Trace hat, rät bei jedem Fehler. Mit Trace suchst du eine Zeile und findest sie.
Das Projekt OpenTelemetry arbeitet an einheitlichen Begriffen für solche Aufzeichnungen, etwa invoke_agent für den Agentenlauf und execute_tool für einen Werkzeugaufruf. Die Konventionen sind noch im Status „Development“, also nicht endgültig. Für den Start reichen vier Kennzahlen: Erfolgsquote, Dauer je Aufgabe, Kosten je Aufgabe und Anteil der Läufe, die ein Mensch korrigieren musste. Dazu kommen Warnungen, wenn eine Zahl aus ihrem üblichen Band läuft.
observability · ein lauf, sieben spans
Im Trace ist ein Fehler eine Zeile, die du findest.
- invoke_agent angebot_vorbereiten14,2 s
- chat · plan1,7 s
- execute_tool crm_kontakt_suchen1,3 s
- execute_tool preisliste_lesen3,1 s
- execute_tool preisliste_lesen · wiederholung1,4 s
- chat · entwurf3,8 s
- execute_tool entwurf_speichern1,1 s
- dauer
- 14,2 s
- tokens
- 38.400
- kosten
- 0,31 €
- fehler
- 1, behoben
Beispielwerte. Span-Namen nach den OpenTelemetry GenAI Semantic Conventions, Status Development.
Aus meinem Setup: Eine Deploy-Prüfung meldete einmal grün, weil die Seite mit HTTP 200 antwortete. Ausgeliefert wurde aber eine Fehlerseite, nur eben mit Status 200. Seitdem prüft jede Abnahme einen Inhaltsmarker je Route: einen Satz, der nur auf der richtigen Seite steht. Der Status allein beweist nichts.
Prüffrage: Findest du in fünf Minuten heraus, welcher Werkzeugaufruf gestern einen falschen Wert geliefert hat?
Wie die zehn Konzepte zusammenspielen
Keines der Konzepte wirkt allein. Eine Schleife ohne Evals weiß nicht, wann sie fertig ist. Guardrails ohne Tracing lassen sich nicht prüfen. Ein Gedächtnis ohne Context Engineering füllt das Kontextfenster mit Altlasten. Die folgende Karte zeigt den Weg einer Anfrage durch das System. Wähle ein Element, um seine Verbindungen zu sehen.
das zusammenspiel · weg einer anfrage
Jedes Konzept hängt an mindestens zwei anderen.
Systemkarte in vier Schichten: Eingang mit Anfrage und Eingabefilter, Steuerung mit Schleife, Orchestrierung und Kontext, Ausführung mit Werkzeugen, Gedächtnis und Harness, Kontrolle mit Evals, Tracing und Freigabe durch den Menschen.
- Eingang: Anfrage (Ein Mensch oder ein System gibt eine Aufgabe mit Ziel und Rahmen.); Eingabefilter (Guardrails prüfen die Eingabe. Fremde Inhalte gelten als Daten, nie als Anweisung.)
- Steuerung: Schleife (Plant, handelt, prüft. Endet bei Ziel, Budget oder fehlendem Fortschritt.); Orchestrierung (Verteilt Teilaufgaben, wenn sie wirklich unabhängig sind.); Kontext (Wählt bei jedem Schritt aus, was das Modell sieht, und verdichtet Altes.)
- Ausführung: Werkzeuge (Klar benannt, streng beschrieben, mit Fehlermeldungen, die weiterhelfen.); Gedächtnis (Notizen und Langzeitwissen, gezielt abgerufen und kontrolliert geschrieben.); Harness (Sandbox, Budget, Wiederholung und geordneter Rückfall um jeden Aufruf.)
- Kontrolle: Evals (Testsammlung aus echten Fehlern, vor jeder Änderung erneut ausgeführt.); Tracing (Jeder Schritt mit Dauer, Tokens und Kosten aufgezeichnet.); Freigabe (Ein Mensch entscheidet bei großem, schwer umkehrbarem Schaden.)
Verbindungen: von Anfrage zu Eingabefilter, von Eingabefilter zu Schleife, von Schleife zu Kontext, von Schleife zu Orchestrierung, von Kontext zu Gedächtnis, von Schleife zu Werkzeuge, von Werkzeuge zu Harness, von Orchestrierung zu Harness, von Harness zu Tracing, von Schleife zu Evals, von Werkzeuge zu Freigabe, von Tracing zu Evals.
Element wählen, um seine Verbindungen zu sehen.
Ein 90-Tage-Plan für den ersten Agenten im Mittelstand
Für ein mittelständisches Unternehmen ist der beste erste Agent einer mit kleinem Schadensradius und messbarem Nutzen. Gute Kandidaten sind das Vorsortieren eingehender Anfragen, das Vorbereiten von Angeboten aus vorhandenen Vorlagen oder das Prüfen von Rechnungen gegen Bestellungen. Der Plan unten ordnet die zehn Konzepte in die Reihenfolge, in der sie gebraucht werden.
der plan · 13 wochen
Erst die Tests, dann der Agent, dann die Freiheit.
Sechs Phasen über 13 Wochen: Fall und Erfolgskriterium, Testsammlung, Werkzeuge und Rechte, Schleife mit Budget und Tracing, Pilot mit Freigabe, Auswertung und Ausbau.
- Woche 1 bis 2 · geplant
Fall wählen, Erfolg messbar machen
Kleiner Schadensradius, klarer Nutzen. Das Erfolgskriterium steht als Prüfung fest, bevor gebaut wird.
- Woche 3 bis 4 · geplant
Testsammlung anlegen
20 bis 50 Aufgaben aus echten Fällen und Fehlern, jede mit erwartetem Ergebnis.
- Woche 5 bis 6 · geplant
Werkzeuge und Rechte festlegen
Wenige, klar beschriebene Werkzeuge. Lesen, Schreiben und Ausführen getrennt, Rechte im Zielsystem.
- Woche 7 bis 8 · geplant
Schleife, Budget und Tracing bauen
Abbruchbedingungen, Runden- und Kostenbudget, jeder Schritt aufgezeichnet.
- Woche 9 bis 10 · geplant
Pilot mit Freigabe
Echte Fälle, jede Aktion mit großem Radius geht über einen Menschen.
- Woche 11 bis 13 · geplant
Auswerten und ausbauen
Erfolgsquote, Kosten je Aufgabe, Korrekturquote. Freigaben lockern, wo die Zahlen es tragen.
Der wichtigste Punkt steht am Anfang: Bevor ein Agent gebaut wird, steht die Testsammlung. Wer zuerst baut und dann testet, misst am Ende nur, was der Agent ohnehin kann. Wenn du diesen Weg begleitet gehen willst, findest du die Schritte auch in meinem Ansatz zur KI-Beratung vom Geschäftsziel zum Pilot. Wie eine Agenten-Schleife im Detail läuft, beschreibt der Beitrag Die Agent-Schleife.
präsentation · 31 folien
Die zehn Konzepte als Präsentation für dein Team.



Alle Konzepte, Zahlen und Grafiken dieses Beitrags als Folien, mit Sprechernotizen und Vortragsmodus. Bilder KI-generiert, als solche gekennzeichnet.
Präsentation öffnender Kern in drei Sätzen
Ein KI-Agent ist ein Sprachmodell in einer Schleife, und seine Zuverlässigkeit entsteht im System darum. Die zehn Konzepte von Harness bis Tracing beantworten jeweils eine Frage: was der Agent darf, was er sieht, wann er aufhört und woran du erkennst, dass er richtig gearbeitet hat. Wer mit Testsammlung, engen Rechten und Aufzeichnung startet, gehört eher nicht zu den 40 Prozent der Projekte, die Gartner bis Ende 2027 scheitern sieht.
Häufige Fragen
Was ist Agentic AI?
Agentic AI bezeichnet KI-Systeme, die ein Ziel in mehreren Schritten selbst verfolgen. Sie planen, rufen Werkzeuge auf, prüfen das Ergebnis und entscheiden über den nächsten Schritt. Ein Chatbot antwortet einmal, ein Agent arbeitet in einer Schleife, bis ein Abbruchkriterium greift.
Was ist Harness Engineering?
Harness Engineering ist die Arbeit am Gerüst um das Sprachmodell: Wiederholungen bei Fehlern, eine abgeschottete Ausführungsumgebung, Kosten- und Ratenlimits sowie ein geordneter Rückfall, wenn ein Dienst ausfällt. Das Modell entscheidet, das Harness sorgt dafür, dass seine Entscheidungen sicher und beobachtbar ausgeführt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Prompt Engineering und Context Engineering?
Prompt Engineering formuliert eine einzelne Anweisung. Context Engineering entscheidet bei jedem Schritt, welche Informationen überhaupt ins Kontextfenster kommen: Anweisungen, Werkzeugbeschreibungen, Verlauf, abgerufene Daten. Bei Agenten, die viele Schritte laufen, ist die zweite Frage die wichtigere.
Braucht ein mittelständisches Unternehmen mehrere KI-Agenten?
Meist nicht am Anfang. Ein einzelner Agent mit gut beschriebenen Werkzeugen, klaren Rechten und einer Testsammlung löst die meisten Aufgaben. Mehrere Agenten lohnen sich, wenn Teilaufgaben wirklich parallel laufen können. Sie verbrauchen deutlich mehr Rechenleistung.
Was verlangt der EU AI Act bei KI-Agenten?
Für Hochrisiko-Systeme verlangt Artikel 14 eine wirksame menschliche Aufsicht, inklusive der Möglichkeit, das System zu stoppen. Nach dem AI Omnibus, in Kraft seit 27.07.2026, gelten diese Pflichten für eigenständige Hochrisiko-Systeme ab 02.12.2027. Ob ein Agent darunter fällt, hängt vom Einsatzzweck ab, nicht von der Technik.
Quellen und Stand
Stand: 16.10.2026, alle Quellen an diesem Tag abgerufen.
- Anthropic: Building effective agents, 19.12.2024.
- Anthropic: Effective harnesses for long-running agents, 26.11.2025.
- Anthropic: Effective context engineering for AI agents, 29.09.2025.
- Anthropic: Writing effective tools for agents, 11.09.2025.
- Anthropic: How we built our multi-agent research system, 13.06.2025 (90,2 Prozent, Faktor 4 und 15 bei den Tokens).
- Anthropic: Demystifying evals for AI agents, 09.01.2026 (pass@k, pass^k, 20 bis 50 Aufgaben).
- Anthropic: Übergabe des Model Context Protocol an die Agentic AI Foundation, 09.12.2025.
- Chroma: Context Rot: How Increasing Input Tokens Impacts LLM Performance, 14.07.2025.
- METR: Measuring AI Ability to Complete Long Tasks, März 2025.
- Gartner: Pressemitteilung zu Agentic-AI-Projekten, 25.06.2025.
- Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI, 14.09.2026.
- OWASP: LLM06:2025 Excessive Agency.
- OpenTelemetry: Semantic Conventions für GenAI-Agenten, Status Development.
- Europäische Kommission: AI Omnibus enters into force, 27.07.2026, sowie Verordnung (EU) 2026/1744.
Die Grafiken, die Beispiele aus meinem Setup und der 90-Tage-Plan sind eigene Darstellungen. Die Rechnung zu pass@k und pass^k ist ein Rechenbeispiel, keine Messung.


