kurz gesagt
- Die Zahl ist ein Zitat, kein Befund. Die bekannte 70-Prozent-Quote stammt aus einem Meinungsbeitrag, nicht aus einer Studie.
- Die Forschung hat nachgesehen und keine belastbare Grundlage dafür gefunden.
- Nützlicher als jede Quote sind drei Fragen an dein eigenes Vorhaben: Ist das Ziel messbar, ist der Ist-Zustand sichtbar, und tragen die Betroffenen die Lösung mit?
Woher die Zahl kommt
Im Jahr 2000 schrieben Michael Beer und Nitin Nohria im Harvard Business Review, rund 70 Prozent aller Veränderungsinitiativen scheiterten. Der Satz stand in einem Essay über zwei Denkschulen des Wandels. Eine Erhebung, aus der sich die Zahl ableiten ließe, nannten die Autoren nicht. Wenige Jahre später griff ein McKinsey-Beitrag von Scott Keller und Carolyn Aiken dieselbe Größenordnung auf. Seitdem wandert die Zahl durch Folien, Keynotes und Bücher. In vielen Fassungen ist sie inzwischen auf 80 Prozent gewachsen.
Mark Hughes von der University of Brighton ist den Quellen 2011 im Journal of Change Management nachgegangen. Sein Ergebnis: Für eine allgemeine Scheiterquote von 70 Prozent gibt es keinen belastbaren empirischen Beleg. Veränderung bleibt schwer. Über dein Projekt sagt die Zahl trotzdem nichts.
Warum die Zahl trotzdem schadet
Eine große Scheiterquote wirkt wie eine Entschuldigung im Voraus. Scheitert das Vorhaben, war es eben eines von vielen. Gelingt es, gilt es als Ausnahme. In beiden Fällen lernt niemand, woran es lag.
Dazu kommt ein zweiter Effekt. Wer glaubt, dass Wandel meistens misslingt, plant Veränderung als Kampagne: oben beschließen, eine Präsentation bauen, unten ausrollen. Genau dieses Muster erzeugt den Widerstand, den die Zahl angeblich beweist.
Das eigentliche Muster: oben entschieden, unten ausgerollt
Das Bild kennt fast jede Führungskraft. Im Führungskreis fällt ein großer Beschluss. Eine Beratung liefert Folien. Dann beginnt das Rollout, und die Mitarbeitenden sollen mitziehen. Nach ein paar Monaten laufen die alten Abläufe weiter, nur mit neuem Namen.
Der Grund liegt selten bei den Menschen. Er liegt in der Methode. Wer die Leute, die einen Prozess täglich ausführen, erst bei der Umsetzung fragt, bekommt ihre Einwände zu spät, nämlich als Widerstand statt als Information.
Was du statt einer Quote prüfen solltest
- Ist das Ziel messbar? „Wir werden digitaler“ ist kein Ziel. „Angebote gehen in zwei statt in fünf Tagen raus“ ist eines.
- Ist der Ist-Zustand sichtbar? Solange niemand zeigen kann, wo heute Zeit verloren geht, streitet ihr über Gefühle. Wie das in einer Woche gelingt, steht im Beitrag Prozesse sichtbar machen.
- Haben die Betroffenen mitgebaut? Beteiligt heißt: Sie haben an der Lösung gearbeitet, nicht nur eine Schulung bekommen. Wer mitgebaut hat, verteidigt das Ergebnis.
- Gibt es einen frühen, kleinen Beleg? Ein Prozess, ein Team, vier Wochen. Ein sichtbarer Erfolg überzeugt mehr als jede Roadmap.
Wie core+ damit umgeht
In core+ steht die Diagnose vor jeder Maßnahme: erst Klarheit über den Ist-Zustand, dann Struktur, dann Umsetzung. Die Denklogik dahinter ist simplify, amplify, transform. Erst vereinfachen, was da ist, dann verstärken, was trägt, und erst danach umbauen. So entsteht Wandel aus dem Betrieb heraus, nicht gegen ihn.
Entscheidungsfragen für dein Vorhaben
- Könntest du morgen in einem Satz sagen, woran du in sechs Monaten den Erfolg misst?
- Wer im Unternehmen kennt den betroffenen Ablauf am besten, und war diese Person bei der Planung dabei?
- Welcher kleinste Schritt würde in vier Wochen zeigen, ob der Weg stimmt?
Wenn dir bei einer dieser Fragen die Antwort fehlt, fang dort an. Mehr zum Vorgehen findest du unter Transformation und im Beitrag was in Change-Projekten wirklich hilft.
Quellen: Michael Beer, Nitin Nohria: Cracking the Code of Change, Harvard Business Review, Mai/Juni 2000. Scott Keller, Carolyn Aiken: The Inconvenient Truth About Change Management, McKinsey & Company, 2008. Mark Hughes: Do 70 Per Cent of All Organizational Change Initiatives Really Fail?, Journal of Change Management 11 (4), 2011, S. 451–464.


