kurz gesagt
- Schwache Zahlen bedeuten nicht schwaches Talent. Performance und Potenzial sind zwei verschiedene Messwerte, die stark voneinander abweichen können.
- Ein gutes Gespräch zeigt mehr als sechs Monate Reporting. Wer die richtigen Fragen stellt, erkennt Potenzial dort, wo Zahlen es verbergen.
- Fehleinschätzungen kosten mehrfach. Du verlierst die Person, du verlierst die Zeit der Einarbeitung, und du verlierst das Potenzial, das woanders geblieben wäre.
Performance und Potenzial sind zwei verschiedene Dinge
Performance misst, was jemand in einer bestimmten Rolle abliefert. Potenzial beschreibt, was jemand leisten kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Beide Werte können stark voneinander abweichen.
Ein Vertriebsmitarbeiter mit schwachen Abschlusszahlen kann ein außergewöhnliches Gespür für Produktentwicklung haben. Ein Teamleiter, der Ziele verfehlt, kann in einem selbstorganisierten Kontext Höchstleistung bringen. Das zeigt sich nicht im Quartalsbericht. Das zeigt sich im Gespräch.
Wenn Führungskräfte jemanden als Low-Performer einordnen, stimmt das manchmal. In vielen Fällen liegt das Problem aber woanders: falscher Aufgabenbereich, fehlende Herausforderung oder schlicht eine Rolle, die nicht zum Profil passt. Wer das übersieht, trifft teure Entscheidungen, die sich summieren: Trennungskosten, Neubesetzung, Einarbeitung, und das, obwohl die Person, die du suchst, schon im Haus war.
Was ein 30-Minuten-Gespräch zeigt
Ein gezieltes Gespräch deckt mehr auf als sechs Monate Reporting. Die Frage dabei lautet nicht: Warum läuft es nicht? Sondern: Wann in den letzten Monaten hat sich Arbeit für dich leicht angefühlt?
Diese Frage trennt. Wer keine Antwort hat, ist vielleicht tatsächlich ausgelastet oder unmotiviert. Wer konkret antwortet, hat Energien, die die aktuelle Rolle nicht abruft. Das ist keine Kritik am Menschen, das ist eine Information über den Fit zwischen Mensch und Aufgabe.
Ich nutze dafür ein einfaches Dreischritt-Muster: erst eine offene Frage nach dem Arbeitsalltag, dann eine Frage nach dem letzten Moment, in dem etwas leicht wirkte, und zuletzt eine hypothetische Frage über einen idealen Einsatzbereich. Die Antworten zusammen zeigen fast immer ein klares Muster. Und was dabei auffällt: Fast niemand antwortet mit der aktuellen Stelle als dem Ort, an dem die Arbeit leichtfällt. Das ist der Befund, über den man sprechen muss.
Vier Typen, eine Landkarte
Für die Beurteilung im Gespräch unterscheide ich vier Kategorien:
- Hoch in beidem: Diese Menschen brauchen kein Fixing, sondern Wachstumsraum. Halten und entwickeln.
- Hohe Performance, niedriges Potenzial: Sie liefern gut in der aktuellen Rolle, sind aber keine Kandidaten für größere Verantwortung. Stabilisieren.
- Niedrige Performance, hohes Potenzial: Die Rahmenbedingungen passen nicht. Das ist der Fall, bei dem das Gespräch am meisten bringt. Reposition.
- Niedrig in beidem: Klares Gespräch führen. Manchmal ist es die falsche Organisation, manchmal fehlt der Wille.
Typische Signale für unterschätztes Potenzial
- Die Person liefert in Projekten außerhalb ihrer Kernrolle regelmäßig besser als in der eigentlichen Stelle.
- Sie übernimmt informell Verantwortung, die niemand von ihr erwartet hat.
- Kollegen fragen sie um Rat, obwohl sie in der Hierarchie keine besondere Position einnimmt.
- Ihr Engagement schwankt stark je nach Aufgabe, aber wenn sie brennt, liegt die Leistung deutlich über dem Durchschnitt.
Wie du Führungs-Performance grundsätzlich sichtbar machst, statt auf Bauchgefühl zu vertrauen, zeigt der Beitrag Führungs-Performance messen. Und was passiert, wenn eine Beförderung ohne vorherige Eignungsprüfung ausgesprochen wird, erklärt Beförderung ohne Eignungstest: Was das kostet.
Entscheidungsfragen
- Hast du in den letzten sechs Monaten mit deinen schwächsten Performern ein Gespräch über ihre Energiequellen geführt, nicht nur über ihre Zahlen?
- Gibt es in deinem Team jemanden, der in der aktuellen Rolle schwächelt, aber in einem anderen Kontext regelmäßig Stärke zeigt?
- Wie lange ist es her, dass du jemanden nach dem letzten Moment gefragt hast, in dem Arbeit sich leicht angefühlt hat?
Das Thema gehört im Rahmen von core+ ins Feld enable & support: Menschen dort einsetzen, wo sie tragen, statt dort, wo sie gehalten werden. Wie das in der Praxis aussieht, bespreche ich im Coaching.


