kurz gesagt
- Zeitverlust spürt jeder, sehen kann ihn niemand. Solange Prozesse nur in Köpfen existieren, lässt sich nicht belegen, wo die Zeit tatsächlich bleibt.
- Liegezeit ist nicht dasselbe wie Bearbeitungszeit. Der Unterschied entscheidet, welche Maßnahme hilft. Wer sie nicht trennt, kürzt an der falschen Stelle.
- Ein Bild und einfache Zeitstempel reichen für den Anfang. Keine Software nötig, nur der Wille, zwei Wochen lang zu messen, was vorher geschätzt wurde.
Der blinde Fleck gewachsener Organisationen
"Ich weiß, dass irgendwo Zeit verloren geht. Ich finde nur nicht wo." Dieser Satz bringt das Problem auf den Punkt. Zeitverluste spürt jeder im Unternehmen. Sehen kann sie niemand, solange Prozesse nur in Köpfen existieren.
Abläufe entstehen im Mittelstand selten am Reißbrett. Sie wachsen mit dem Unternehmen, Ausnahme für Ausnahme, Person für Person. Nach zehn Jahren kennt jede Abteilung ihren Abschnitt, aber niemand kennt die ganze Strecke. Genau in den Lücken zwischen den Abschnitten sammelt sich der Zeitverlust.
Liegezeit gegen Bearbeitungszeit
Das ist die wichtigste Unterscheidung in jeder Zeitanalyse. Bearbeitungszeit ist die Zeit, in der aktiv an einem Vorgang gearbeitet wird. Liegezeit ist die Zeit, in der der Vorgang wartet, auf eine Freigabe, auf eine Rückmeldung, auf jemanden, der gerade nicht da ist.
In den meisten Betrieben ist die Liegezeit mehrfach länger als die Bearbeitungszeit. Ohne ein Bild vom Ablauf wird über Auslastung diskutiert, wo Liegezeit das Problem ist. Es werden Stellen geschaffen, wo eine Freigaberegel genügt hätte. Es werden Systeme eingeführt, die an der falschen Stelle schneller machen.
Zwei Formate, die ausreichen
Für den Einstieg braucht es keine komplexe Methodik. Zwei Darstellungsformen decken den Anfang ab.
Die Prozesslandkarte zeigt auf einer Seite, welche Kernprozesse es gibt und wie sie zusammenhängen. Das Swimlane-Diagramm zeigt für einen einzelnen Ablauf, wer was in welcher Reihenfolge tut und wo der Vorgang die Abteilung wechselt. Jeder Abteilungswechsel ist ein Kandidat für Wartezeit. Schon beim Aufzeichnen fallen Schleifen auf, die niemand geplant hat.
Wie du diese Formate erstellst und was dabei an Engpässen sichtbar wird, zeigt der Beitrag Prozessoptimierung: Abläufe visualisieren und Engpässe lösen.
Wie du Zeitverluste messbar machst
- Ablauf zeichnen. Wer tut was, in welcher Reihenfolge, wo wechselt die Zuständigkeit.
- Übergaben markieren. Alle Stellen, wo ein Vorgang die Hand wechselt oder wartet.
- Zeitstempel einführen. An den markierten Stellen für eine bis zwei Wochen Startzeitpunkt und Endzeitpunkt festhalten. Kein Spezialwerkzeug nötig, eine geteilte Tabelle genügt.
- Bearbeitung von Liegezeit trennen. Wie lange wurde aktiv gearbeitet, wie lange hat der Vorgang gewartet.
- Kostbar machen. Liegezeit in Stunden multipliziert mit dem internen Stundensatz zeigt, was eine Stelle wirklich kostet.
Danach können Sätze ausgesprochen werden, die vorher unmöglich waren: An welcher Stelle wie viel Zeit liegt, und was eine Änderung dort bringen würde.
Was Sichtbarkeit verändert
Die erste Aufnahme verändert die Diskussion im Führungskreis. Zum ersten Mal sprechen alle über denselben Ablauf statt über ihre je eigene Version davon. Ein Bild, auf das alle schauen, beendet viele Monate alte Konflikte über Schuld und Auslastung.
Wie aus diesem Bild eine klare Verantwortung wird und was danach mit der Erkenntnis passiert, beschreibt der Beitrag Prozessoptimierung im KMU: Klarheit statt Raten. Wie Prozessvisualisierung gezielt für CRM-Einführungen eingesetzt wird, steht unter Prozesse sichtbar machen: KMU-Steuerung ohne Nebel.
Drei Fragen für deinen Einstieg
- Kannst du heute sagen, wie viele Tage zwischen Auftragseingang und Auftragsbestätigung durchschnittlich vergehen, und wie viel davon aktive Bearbeitungszeit ist?
- Welcher Ablauf in deinem Betrieb erzeugt die meisten internen Rückfragen, und weißt du, an welcher Stelle im Ablauf diese Rückfragen entstehen?
- Wer in deinem Unternehmen würde am meisten davon profitieren, wenn dieser Zeitverlust sichtbar wäre?
Zeit, die sichtbar ist, lässt sich zurückholen. Unsichtbare Zeit verliert du jeden Tag aufs Neue. Mehr zum Vorgehen unter Consulting und unter Transformation.


