kurz gesagt
- 34 % weniger Durchlaufzeit in acht Monaten, ohne neue Software. Der Chemiekonzern mit 2.800 Mitarbeitenden hatte das Problem nicht in der Technologie, sondern zwischen den Abteilungen.
- Unsichtbare Reibung kostet mehr als jedes ERP-Modul. Ungeklärte Zuständigkeiten und Übergaben, die niemand aktiv gestaltet, sind die häufigste Quelle operativer Ineffizienz.
- Operational Excellence beginnt mit dem Sehen. Wer die Reibung nicht sichtbar machen kann, hat kein Argument für die Veränderung.
Ein mittelständischer Chemiekonzern mit 2.800 Mitarbeitenden kämpfte jahrelang mit Durchlaufzeiten, die doppelt so lang waren wie der Branchendurchschnitt. Die Führungsebene suchte nach Softwarelösungen, nach neuen ERP-Modulen, nach digitalen Dashboards. Das eigentliche Problem lag nicht in der Technologie. Es lag zwischen den Abteilungen.
Was unsichtbare Reibung wirklich bedeutet
In ungeklärten Zuständigkeiten steckt mehr Durchlaufzeit als in jedem Engpass auf der Produktionslinie. Eine Übergabe, die niemand aktiv gestaltet, ist eine Übergabe, die wartet. Und Warten addiert sich. Bei diesem Konzern gab es Übergaben zwischen Abteilungen, bei denen keine Seite die Verantwortung für den nächsten Schritt übernommen hatte. Jeder hatte seinen Teil erledigt. Niemand hatte das Ganze im Blick.
Hinzu kam eine Kultur, in der Probleme lieber intern gehalten wurden als offen auf den Tisch kamen. Das führte dazu, dass Engpässe erst sichtbar wurden, wenn sie bereits teuer geworden waren, nämlich als Lieferverzögerungen beim Kunden.
Operational Excellence als organisationale Entscheidung
Operational Excellence wird häufig als Methodenprojekt missverstanden. Lean, Six Sigma, Kaizen, PDCA: die Liste der Frameworks ist lang. Doch alle diese Ansätze scheitern, wenn sie als isolierte Projekte behandelt werden, während das Tagesgeschäft weiterläuft wie bisher.
Echte operative Exzellenz ist eine organisationale Entscheidung: Wie will dieses Unternehmen lernen? Wie sollen Probleme sichtbar werden? Wer trägt Verantwortung auf welcher Ebene? Diese Fragen lassen sich nicht durch ein Tool beantworten. Sie verlangen eine Antwort aus dem Führungsverhalten heraus.
Wie die Verbesserung in acht Monaten entstand
Der erste Schritt war nicht ein neues System, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Welche Übergaben zwischen welchen Bereichen erzeugen die meiste Wartezeit? Wo fehlt die Verantwortlichkeit? Wo werden Probleme zurückgehalten statt benannt?
Diese Fragen wurden nicht am Schreibtisch beantwortet. Sie wurden durch Gespräche mit den Menschen beantwortet, die in den betroffenen Abläufen arbeiten. Ein Beispiel: In der Auftragsabwicklung gab es eine Schnittstelle zwischen Vertrieb und Produktion, bei der Informationen regelmäßig zu spät ankamen. Nicht weil die Technik versagte, sondern weil kein Prozess definiert hatte, wer wann was an wen übergibt.
Sobald diese Reibungsstellen sichtbar waren, ließen sich Verantwortlichkeiten klären und Übergaben gestalten. Kein neues ERP-Modul. Keine großangelegte Transformation. Strukturierte Arbeit an den Nahtstellen.
Was die 34 % Verbesserung zeigen
34 % weniger Durchlaufzeit in acht Monaten ist ein Ergebnis, das sich messen lässt. Aber das eigentliche Ergebnis ist ein anderes: Das Unternehmen hat eine Fähigkeit aufgebaut, Probleme sichtbar zu machen und zu bearbeiten, bevor sie teuer werden. Das ist der Unterschied zwischen einem einmaligen Erfolg und einer dauerhaft besseren Organisation.
Wo Unternehmen bei dieser Arbeit regelmäßig stocken und warum Effizienzprogramme trotz guter Methodik oft keine bleibenden Ergebnisse erzeugen, beschreibe ich im Beitrag Operational Excellence: Warum Effizienzprogramme scheitern. Den Blick auf die Frage, was passiert, wenn ein KPI-Dashboard die Reibung bereits sichtbar macht, aber niemand handelt, bietet Operative Excellence: Mehr als ein KPI-Dashboard.
Was sich übertragen lässt
Dieser Fall ist kein Einzelfall. In vielen Mittelstandsunternehmen entsteht operative Ineffizienz nicht durch fehlende Tools, sondern durch strukturell verankerte Reibungsverluste, die im Tagesgeschäft unsichtbar bleiben. Was sich übertragen lässt:
- Erst die Reibung sehen, dann die Methode wählen. Wer ohne Diagnose optimiert, optimiert das Falsche.
- Übergaben sind Gefahrenstellen. Jede Schnittstelle zwischen Bereichen ist ein potenzieller Wartepunkt. Sie verdienen eine klare Verantwortlichkeit.
- Probleme müssen nach oben gelangen dürfen. Eine Kultur, in der Schwierigkeiten intern gehalten werden, ist keine Schutzmaßnahme, sondern eine Verzögerungsmaschine.
Mehr zur Grundmethodik unter Ursachen finden statt Symptome löschen und core+.
Drei Entscheidungsfragen
- Weißt du, welche Übergabe zwischen welchen Bereichen heute die meiste Wartezeit erzeugt?
- Haben die Menschen, die an den Nahtstellen eurer Abläufe arbeiten, eine klare Verantwortlichkeit für den nächsten Schritt?
- Werden Probleme in deinem Unternehmen offen benannt oder intern gehalten, bis sie teuer werden?
Mehr zum Vorgehen unter Consulting und Transformation.


