kurz gesagt
- Technologie ist selten das Problem. Scheiternde Digitalisierungsprojekte haben meistens keinen technischen Fehler, sondern einen strukturellen: fehlender Kompetenzaufbau.
- Schulung ist kein Kompetenzaufbau. Wer sein Team einmal durch eine Einführungsveranstaltung schickt, befähigt niemanden wirklich, mit dem neuen Werkzeug zu arbeiten.
- Akzeptanz lässt sich nicht anordnen. Sie entsteht, wenn Menschen die Lösung mitgestaltet haben und den Nutzen für ihre eigene Arbeit sehen.
Wenn 1,2 Millionen Euro nicht reichen
Ein mittelständisches Unternehmen investiert 1,2 Millionen Euro in eine neue ERP-Plattform. Die Implementierung läuft nach Plan, der Go-Live findet pünktlich statt. Achtzehn Monate später nutzen weniger als vier von zehn Mitarbeitenden das System produktiv. Die anderen arbeiten mit Parallelwegen, Tabellen und gewohnten Umwegen.
Die Antwort auf die Frage, was schiefgelaufen ist, fällt unbequem aus: Die Technologie war in Ordnung. Was gefehlt hat, war ein durchdachtes Programm, das Menschen befähigt, mit dem neuen Werkzeug tatsächlich zu arbeiten und es als Verbesserung zu erleben.
Dieses Muster wiederholt sich in Unternehmen aller Branchen, oft mit ähnlichem Verlauf: Das Budget für Software, Hardware und Implementierung ist vorhanden. Das Budget für echten Kompetenzaufbau fehlt. Dabei ist genau das der entscheidende Faktor für den Erfolg jeder digitalen Transformation.
Der Unterschied zwischen Schulung und Kompetenzaufbau
Was viele Unternehmen als Schulung bezeichnen, ist oft eine Einführungsveranstaltung von ein oder zwei Tagen. Danach ist die Software erklärt. Ob die Menschen wissen, wie sie damit ihre eigene Arbeit effizienter gestalten, steht auf einem anderen Blatt.
Echter Kompetenzaufbau umfasst drei Dimensionen, die über Technikkenntnis hinausgehen:
- Anwendungskompetenz: verstehen, wie das System die eigene Arbeit verändert, über die Bedienung hinaus
- Prozesskompetenz: verstehen, welche Abläufe sich durch das System ändern, und diese Änderungen mitgestalten können
- Veränderungskompetenz: mit Unsicherheit und Rückschlägen umgehen, ohne ins alte Muster zu fallen
Wer nur die erste Dimension abdeckt, bekommt technisch ausgebildete Mitarbeitende, die das System trotzdem meiden.
Warum Akzeptanz nicht entsteht, wenn sie angeordnet wird
Akzeptanz ist ein Ergebnis, kein Beschluss. Sie entsteht, wenn Menschen die Lösung als hilfreich für ihre eigene Arbeit erleben. Das passiert selten beim klassischen Top-Down-Rollout.
Das Bild kennt fast jede Führungskraft: Oben wird entschieden, eine Beratung liefert Konzepte, dann beginnt das Rollout. Die Mitarbeitenden sollen sich anpassen. Ein paar Monate später laufen die alten Abläufe weiter, diesmal mit neuen Systemschritten daneben. Der eigentliche Wandel findet nicht statt.
Wer hingegen die Menschen, die täglich im System arbeiten werden, bereits bei der Konzeption einbezieht, hört ihre Einwände als Information statt als Widerstand. Und wer mitgebaut hat, verteidigt das Ergebnis.
Was du vor dem nächsten Projekt prüfen solltest
- Ist der Ist-Ablauf bekannt? Bevor ein neues System eingeführt wird, sollte klar sein, wie der heutige Prozess wirklich läuft, nicht wie er laufen soll. Was das für die Praxis bedeutet, steht im Beitrag Prozessanalyse im KMU.
- Wer gestaltet die Lösung mit? Die Menschen mit dem meisten Prozesswissen sind selten im Projektteam. Das sollte sich ändern.
- Was ist der messbare Nutzen für die Nutzenden? Nicht für das Unternehmen als Ganzes, sondern für diejenigen, die das System täglich bedienen. Wenn sie diese Frage nicht beantworten können, ist Widerstand vorprogrammiert.
- Ist Kompetenzaufbau ein Posten im Budget? Nicht als Anhang, sondern als Teil des Projekts von Anfang an.
Einordnung in core+
In core+ ist Kompetenzaufbau ein eigenes Feld: enable & support. Digitalisierungsprojekte, die dort keine Antwort haben, landen meistens im Feld „Technologie eingekauft, Wandel nicht eingetreten“. Mehr zum Ansatz steht im Beitrag Digitale Transformation: Warum Kompetenz über Erfolg entscheidet.
Drei Fragen für dein nächstes Projekt
- Wer aus deinem Team hat beim letzten IT-Projekt die Anforderungen definiert, und wer hätte sie eigentlich am besten kennen müssen?
- Wie misst du bei laufenden Digitalisierungsvorhaben, ob das System wirklich genutzt wird?
- Was bräuchten deine Mitarbeitenden, um das neue Werkzeug als Erleichterung zu erleben, statt als zusätzliche Aufgabe?
Förderung für Beratungsprojekte in diesem Bereich ist oft möglich über BAFA-Förderung.


